Wanderfahrten 2020

  • Hallo zusammen,


    ich bin ja auch noch einen Törnbericht schuldig - es hat jetzt etwas länger gedauert, da in der Familie viel los ist, wie so oft. Also: Hier kommt die lange Variante :-).


    Vom 24.07.-03.08. sollte es in die Nähe von Schwerin gehen. Ein Teil der Familie wohnt dort. Da lag es nahe, auszuprobieren, wie es sich mit der Lis auf dem Trailer fährt. Der Schweriner See als der viertgrößte See Deutschlands übt schon seit Jahren eine gewisse Faszination auf mich aus. In Ermangelung eines Bootes ist das bisher aber beim Anschauen geblieben. Segelboote kann man dort meines Wissens nach nicht chartern und um mich auf ein Motorboot zu begeben, war der Leidensdruck einfach nicht hoch genug.


    Das Heimatrevier von Dorie ist seit ein paar Wochen der Rursee. Die Slipanlage vom Heimatverein bietet einen recht komfortablen Kran, so dass wir die zweifelhafte Haftung von Autoreifen auf steilen Sliprampen dort nicht ausprobieren mussten. Die Premiere würde also im Segelclub Schweriner Staatstheater (http://www.stadthafen-schwerin.de) vor handverlesenem Publikum stattfinden. Naja, man wächst mit seinen Herausforderungen. Da der Trailer ja gut mit Rollen ausgestattet ist, hoffte ich, dass nach lösen der Seilverbindung die Fuhre nach Herrn Newtons Gleichungen recht freiwillig den Weg ins kühle Nass findet. Aber vorher war noch die längliche Fahrt von Aachen nach Schwerin zu machen. Und da der Schweriner See zur Störwasserstraße gehört, war auch noch ein amtliches Kennzeichen fällig. Die Beantragung habe ich zwar schon einige Wochen vorher versucht, allerdings gestaltete es sich wahrscheinlich coronabedingt etwas schwierig, die entsprechenden Personen an den Draht zu bekommen. Einen Tag vor der Abreise hatten wir dann die Mitteilung über die Zuteilung eines Kennzeichens per Mail bekommen. Klebebuchstaben sollte es dann in einem Baumarkt am Zielort geben. Funfact: Das Schweriner Bauhaus hat eine Nautic-Abteilung. Die Nähe zum Wasser macht’s.


    Über die Hinfahrt wollen die Chronisten eigentlich schweigen. Ein paar Erfahrungen dieser langen Trailerfahrt: Die Tempo 100 Zulassung ist nett, erfordert aber einen Panzer als Zugfahrzeug. Also war Tempo 80 angesagt. Schneller geht auf weiten Strecken eh nicht, da die Autobahn meist nur zwei Spuren hat. Ein Tempomat ist ein Segen. Es könnte sich lohnen, die Kurbel vom Stützrad mit einem Bändsel gegen Losrappeln zu sichern. Das Adrenalin im Körper beim Auftreten von komischen Geräuschen am Hänger kann man sich sparen. Da wir mit Hund im Auto unterwegs waren, mussten wir gefühlt eh an jedem großen Baum anhalten, also geschenkt. Ein großer Zurrgurt übers Boot reicht eigentlich. Leider sind an der Stelle keine Zurrösen am Trailer. Nachrüsten besser mit der schraubbaren Variante, da eine Bohrung im Rahmen eine Neuabnahme beim TÜV erfordern würde. Die Winde hat sich bei uns auch immer losgerappelt. Die Rutschkupplung hat sich wohl auf den ersten Teil ihres Namens konzentriert. Auf der Rückfahrt hat es übrigens gehalten. Gepäck im Boot geht, sollte aber auch beim Bremsen an seinem Ort bleiben.

    Die Steckberbindungen an der Lichtleiste sind aber ein ewiger Born der Lust. Bei dem Gerappel am Ende des langen Gestells sind Wackelkontakte vorprogrammiert. Die Hinfahrt war furchtbar. Vor der Rückfahrt habe ich alle Kontakte nachgebogen und dann war Ruhe. Ärgerlich ist, dass diese Stecker völlig überflüssig sind: Es gibt einen großen Stecker, mit dem man die Lichtleiste vom Rest trennt. Naja. Anhänger eben.


    Am Samstag sollte es dann also ins Wasser gehen. Der Stadthafen Schwerin wurde als Stützpunkt ausgesucht. Eine gute Wahl. Sehr nette Leute, gute Sanitäreinrichtungen gute Slipmöglichkeit und eine unschlagbare Nähe zur Stadt.

    Und die Aussicht aufs Schloss ist auch nicht schlecht. Allerdings muss man dazu einmal um die Ecke fahren. Die Fotos auf der Homepage des Vereins suggerieren es anders.


    Slippen ist spannend, insbesondere, wenn man es zum ersten Mal macht. Und auf unbekanntem Terrain. Mit vielen versteckten Zuschauern. Zumindest mit letzterem muss man im Hafen immer rechnen. Hafenkino eben, das lässt sich keiner entgehen. Wir haben wohl keine gute Show geliefert. Der Trailer ist klasse. Wenn man alle Verbindungen gelöst und die hinteren Auflagen heruntergekurbelt hat, muss man auf der Sliprampe nur einmal kurz bremsen und die Fuhre gleitet majestätisch ins Wasser. Punkt für uns. Enttäuschte Betrachter beim Hafenkino. Mast stellen habe ich mittlerweile oft genug gemacht, so dass die ganze Prozedur nach einer Stunde durch war und wir den ersten Tee in der Box genießen konnten.


    Kommen wir mal zum Seglerischen. Der Schweriner See ist ziemlich groß, wenn man so einen Spucknapf wie den durchschnittlichen Binnensee gewohnt ist. Eine aktuelle Seekarte macht für den Revierunkundigen durchaus Sinn. Es gibt zwei Flachstellen direkt hinter der Ausfahrt aus dem Hafen, die man kennen sollte. Etwas weiter auf dem See gibt es dann eine Stelle, die bezeichnender Weise „Großer Stein“ heißt. Hier sollen Leute schon mal nen Klapptisch und einen Grill aufgestellt haben. Da läuft man auch mit einer Lis gnadenlos auf.



    Man ist recht schnell unterwegs und der Wind kommt recht stabil aus einer Richtung. Winddreher, wie sie auf dem Rursee zum Alltag gehören, kommen hier recht selten vor. Passiert sind sie mir aber auch. Nur nicht mit der finalen Konsequenz, die am Rursee steter Begleiter ist... Kentern geht mit einer Lis 6.0 aber wahrscheinlich nur, wenn man es ganz doll versucht. Wenn man vor Wassereintritt übers Süll die Großschot etwas fiert, ist schnell wieder alles gut.

    Meist war nicht so viel Wind. Man ist trotzdem recht schnell an der Insel Kaninchenwerder oder am Zippendorfer Strand. Wenn man die Flachs einmal hinter sich hat, kann man auch recht freie Schläge machen. Segler waren auch einige unterwegs, die häufigste Begleitung sind aber Motorboote. Von ekligen Krawallschüsseln, die eine Menge unnötigen Lärm und Schwell machen über Angler bis hin zu gemütlichen Ausflüglern mit der ganzen Familie ist alles dabei. Die Berufsschifffahrt ist nur in der Nähe der Anlegestellen konzentriert zu beobachten. Wenn man ahnt, wo die hin wollen, ist es aber zu keiner Zeit unangenehm. Und mitten auf dem See ist Platz genug, dass man sich nicht zu nahe kommt.


    Kaninchenwerder ist ein Naturschutzgebiet und kann mit einem jetzt wieder ausgebesserten Steg für die Sportschiffahrt aufwarten. Dort kann man gut Spazieren gehen und für ein Mittagessen ist es immer gut. Bei westlichem Wind liegt man an dem Steg aber recht unruhig, so dass man den Tee besser auf der nahe dabei stehenden Bank zu sich nimmt.


    Vor dem Zippendorfer Strand ist ein ausreichend flacher Bereich, in dem es sich gut ankern lässt. So kann auch die Familie, die nicht aufs Boot passt, in das Abenteuer eingebunden werden und man kann mit wechselnder Besatzung immer mal ne Runde drehen.



    Einzelne Tage lassen sich so also indirekter Nähe zum Ausgangshafen gut verbringen und es lohnt sich, auch mal für eine Stunde hinauszufahren. Da Highlight sollte aber unsere Zweitagestour nach Bad Kleinen werden. Meine Frau und ich haben eine Nacht Kinderfrei beantragt und genehmigt bekommen, so dass es am 30.07. auf „große Fahrt“ ging.

    Gegen 12.00 sind wir am Stadthafen Schwerin Richtung Kaninchenwerder gestartet. Wind aus NNW mit 3-4. Recht böig. Mittagessen gegen 12.45 auf der Insel. Zwei Tage zuvor war das Betreten des Steges noch verboten. Viel Wind und ein unruhiger Liegeplatz. Ein Paddlerpärchen bekommt von uns Anlegehilfe. Die Zwei werden auf dem Rückweg nach SN Spaß beim Paddeln haben: Gegenwind. Eine Jolle mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern legt später hinter uns an. Das Manöver ist eher so lala, aber die Jungs lernen eben noch. Das Restaurant ist leider geschlossen aber wir haben unseren Proviant mitgebracht.

    Gegen 13.20 Leinen los und auf nach Bad Kleinen. Auf dem Innensee mit halbem Wind und ordentlich Tempo unterwegs. Umschiffen der Untiefen unproblematisch.

    Recht zügig ist man in der Nähe vom Paulsdamm, wo das Abenteuer Mastlegen auf uns wartete. Mit der Mastlegevorrichtung ist das aber entspannt und innerhalb von Sekunden möglich. Wenn man damit nur unter einer Brücke durch müsste, könnte man auch bis kurz davor Segeln, eben den Mast legen und mit dem Schwung durch fahren und dahinter sofort wieder den Mast stellen und weiter segeln. Zur Schonung der eigenen Nerven haben wir die Nummer dann doch nicht gebracht. Außerdem gibt es einen kleinen Kanal vor dem Paulsdamm und da auch mit Berufsschifffahrt zu rechnen ist, sind wir dort brav unter Motor entlang gefahren. Der Kiosk, der dort in Ufernähe ist, hat seine Liegestühle fast alle zum Kanal hin ausgerichtet. Das wäre also Kanalkino vom Feinsten. Mit unserem flüsterleisen E-Motor können wir uns aber fast unbemerkt durch schleichen. Ob der Beschilderung sollte man den Mast wohl nicht zu früh wieder stellen :-).



    Teil 2 folgt.

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  • Und hier ist Teil 2.


    Auf dem Außensee sind wir gefühlt das einzige Boot unter Segeln. Es wird deutlich böiger und erinnert zeitweise an den Rursee: Schlagartig ist der Wind fast weg und die Fahrt geht langsam aus dem Schiff. Die nächste Böe zimmert einen fast flach aufs Wasser und ab gehts. Der Weg nach Norden funktioniert auch hier fast perfekt. Streckenweise am Wind, aber wenden ist nicht nötig.

    An der Insel Lies fehlen die beiden West-Tonnen, was aber unproblematisch ist.



    Mit 1,25m Tiefgang könnte man hier oben überall durch. Zumindest fast. Ein paar Flachstellen sind in der Karte extra in rot gekennzeichnet.

    Drei Stunden nach dem Ablegen von Kaninchenwerder sind wir in Bad Kleinen. Auf der Anfahrt dräut ein unschönes Betongebäude. Ob das unser Tagesziel ist? Die Karte sagt ja. In der Marina sind nur zwei Masten zu sehen. Der Rest sind Motorboote.





    Teils recht teure Exemplare, oft aber Vehikel für Angler. Die Marina hat einen etwas rustikalen Charme. Die Formalitäten werden sehr freundlich von der Besatzung der dortigen DLRG Station erledigt. Ein Anruf vorher macht Sinn, damit die Leute informiert werden - dann ist aber auch eigentlich alles vorbereitet. Das einzige Klo muss man mit Chips öffnen, die man aber

    bei der Entrichtung der Liegeplatzgebühr bekommt. Bad Kleinen besticht dann ebenfalls durch einen rustikalen Auftritt. Unser Fußmarsch zur Erkundung der Umgegend führt uns einen länglichen Umweg, um über die Gleisanlagen zukommen. Das riesige Betongebäude entpuppt sich als ehemaliger Kornspeicher und soll zu Eigentumswohnungen umgebaut werden. Die Lage ist sicher klasse - direkter Blick auf den See hat schon was. Aber da gibt es noch viel zu tun, bevor diese Idee Wahrheit werden kann.

    Der in der Karte des iPhone erwähnte Bäcker hat mittlerweile sein Ladengeschäft geschlossen und ist in den Netto umgezogen. Ab 8 Uhr werden wir dort morgen fürs Frühstück einkaufen können. Der Edeka direkt in der Nähe des Hafens hat keinen Bäcker mehr zu bieten. Es stellt sich heraus, dass das einzige Restaurant direkt am Hafen ist. Allerdings in der anderen Richtung. Da die Preise dort aber eher gehoben sind, bleiben wir beim Plan vom Selberkochen.



    Die Nacht auf dem Boot ist mit dem Adjektiv „komfortabel“ ganz gut beschrieben. Wenn man die Umstände beachtet und die Klamotten so sortiert, dass man nicht immer alles anfassen muss. Boot eben.


    Am nächsten Morgen war erst mal viel zu wenig Wind, was mit einem ausgedehnten Frühstück kompensiert werden konnte. Die Erfahrungen des vorangegangenen Tages ließen aber auch eine eher überschaubare Rückfahrtzeit erwarten, so dass wir recht entspannt blieben. Auch an dem Tag waren wir das einzige Segelboot weit und breit. Das Mastlegen am Paulsdamm war ebenfalls wieder unproblematisch. Auf dem Innensee bekamen wir auch wieder Gesellschaft von Segelbooten. Gegen Mittag haben wir noch eine Ankerpause zum Essen eingelegt. Unsere Wahl des Platzes am Westufer war wohl nicht weit genug von der Fahrzone der Motorboote weg, so dass es eine schaukelige Angelegenheit war. Also ab nach Hause.


    Die Lis 6.0 ist gut für Touren dieser Art geeignet. Tagestouren sind sehr komfortabel möglich.


    Auch bei schlechterem Wetter, da die Kajüte durchaus Wetterschutz bietet. Längere Touren mit Übernachtung auf dem Boot sind mit zwei Personen sehr gut möglich. Mit drei oder vier Personen wird mehr Disziplin beim Verstauen nötig. Die Energie im Akku reicht locker für alle nötigen Manöver bei weniger Wind und dementsprechend wenig Welle. Wenn es heftiger wird, geht die Restlaufzeit recht schnell in die Knie, da man eben mehr Leistung abrufen muss.

    Das Energiemanagement der Woche lässt mich aber hoffen, auch auf anderen Revieren ohne einen Benziner auszukommen. Wir haben mit einer Akkuladung alles machen können -

    inclusive einer Tour von einer Stunde bei Regen und einigem Wind vom Hafen zum Großen Stein und zurück.


    Viele Grüße aus dem Westzipfel.



    Elmar

  • Hallo Karl-Heinz,


    danke für die Blumen. Wenn Du mal wieder am Rursee bist, findet sich sicher ein Zeitfenster für einen Klönschnack.

    Deinen Bericht kann ich leider nicht lesen, da ich mich dazu in dem anderen Forum anmelden müsste.


    Ne schöne Jrooß


    Elmar

  • ...komme leider auch nicht auf den Bericht von Karl - Heinz, ohne mich ein zu loggen, was ich zugegebenermaßen nicht so gerne mache. Hast Du vielleicht noch eine andere Zugangsmöglichkeit, Karl - Heinz?


    Vielen Dank an Elmar für seine Mühe und den tollen Bericht, den ich gerne gelesen habe. Ein Forum - wie dieses - lebt von solchen Berichten. Außerdem ist es spannend zu sehen, was so andere in den verschiedensten Revieren erleben! Meine letzten Reiseberichte (Brandenburg und Gardasee) laufen hier unter anderen Threads. Vielleicht findet sich jemand, der die mal zusammenzuträgt, damit diese dann unter einer Rubrik für jeden noch später auffindbar bleiben!


    Grüße, Harald